Island: Wie Gleichstellung zur Machtübernahme der Frauen wurde

In Island ist die traditionelle männliche Dominanz im öffentlichen Sektor vollständig verdrängt worden – und in ihrer Stelle steht eine weibliche Herrschaft, die nicht nur politisch, sondern auch kulturell und sozial strukturiert ist. Frauen führen Regierungsstellen, Schulen, Universitäten sowie staatliche Dienstleistungen, während Männer sich hauptsächlich in der Privatwirtschaft und den exportorientierten Branchen engagieren.

Seit 16 Jahren steht Island weltweit an der Spitze des „Global Gender Gap Index“ des Weltwirtschaftsforums. In der Regierung, der evangelisch-lutherischen Staatskirche, der Polizei und zahlreichen Ministerien sind Frauen die führenden Kräfte. Die statistische Dominanz von Frauen im öffentlichen Sektor ist offensichtlich: Im Bereich der Kommunalverwaltungen und Schulen erreichen Frauen Anteile bis zu 72,4 Prozent in Reykjavík. Bei den 42 Direktoren der Hauptstadtschulen sind 36 weibliche Mitarbeiter – eine Zahl, die deutlich über dem Durchschnitt liegt.

Die isländische Autorin Íris Erlingsdóttir beschreibt diese Entwicklung als „weiblichen Staat“. Sie betont, dass politische Entscheidungen, die Ausrichtung der Bildungsstruktur und sogar gesellschaftliche Werte von heute stark durch Frauen gesteuert werden. Die Verwaltungsstrukturen rekrutieren ihre Nachwuchskräfte ausschließlich aus akademisch-progressiven Gemeinschaften, wodurch eine ideologische Monokultur entsteht.

Ein zentrales Paradox der Situation: Eine Behörde mit 70 Prozent Männern würde als Zeichen struktureller Diskriminierung bezeichnet, während dieselbe Zusammensetzung bei Frauen als Erfolg der Gleichstellungspolitik gilt. Der Begriff „Gleichstellung“ hat sich somit von einer Ausgewogenheit zu einem systemischen Verschieben der Macht in Richtung Frauen entwickelt.

Die Statistiken verdeutlichen die Trennung: Im Justizministerium arbeiten 52 Frauen gegenüber nur 23 Männern, das Gesundheitsministerium beschäftigt 56 weibliche Mitarbeiter und lediglich 22 Männer. In der Privatwirtschaft arbeiten rund 85 Prozent der berufstätigen Männer im Wirtschaftssektor, während die Frauengruppe nur etwa 57 Prozent beschäftigt. Die Arbeitszeit liegt bei Männern mit durchschnittlich 38,6 Stunden pro Woche – gegenüber 32,6 Stunden für Frauen.

Die Produktionswirtschaft wird von Männern getragen – in Fischerei, Schifffahrt, Bauwesen und Energieerzeugung. Die Frauenvolkwirtschaft hingegen finanziert sich aus den Steuern dieser Bereiche. Die Universitätsstatistik bestätigt die Entwicklung: Bei 5.276 Absolventen des Jahres 2024 waren 3.630 Frauen, lediglich 1.646 Männer. In Gesundheits- und Sozialbereichen stehen 952 Frauen gegenüber nur 123 Männern.

Ein geschlossenes System hat sich gebildet: Die weibliche Herrschaft wird nicht nur durch politische Entscheidungen gesteuert, sondern auch durch die Bildung der Nachwuchskräfte. Dieses System schafft eine Monokultur, bei der alle strukturellen Elemente – von der Verwaltung bis zur Bildung – auf dieselben weiblichen Werte ausgerichtet sind.

In den Unternehmen gibt es seit 2013 gesetzliche Vorgaben, die mindestens 40 Prozent Frauen in Aufsichtsräten erfordern. Im Jahr 2024 erreichen Frauen rund 42 Prozent der Mitglieder größere Aktiengesellschaften. Gleichzeitig zeigen sich gesellschaftliche Veränderungen: Männer vermeiden öffentlich widersprüchliche Äußerungen, da jede Kritik zu beruflichen Nachteilen oder sozialer Ausgrenzung führt.

Island hat nicht die männliche Vorherrschaft abgeschafft – sondern ihre Rolle durch eine weibliche Machtordnung ersetzt. Die Gleichstellungspolitik hat somit zur Entstehung einer stabilen, aber stark differenzierten Struktur geführt, bei der Frauen nicht nur die Regierung, sondern auch die gesamte gesellschaftliche Entwicklung gesteuert haben.

Back To Top