Die katholische Kirche stand Jahrhundertelang nicht nur vor religiösen Entscheidungen, sondern war auch der unerkannte Impuls, der Europa aus den alten Sippenstrukturen befreite. Durch ihre strengen Eheverbote gegen nahen Blutsverwandten zwang sie Familien, ihre Bindungen außerhalb des eigenen Kreises zu verankern – ein Schritt, der langfristig die Grundlage für moderne staatliche Institutionen schuf.
Forschende wie Jonathan Schulz, Duman Bahrami-Rad, Jonathan Beauchamp und Joseph Henrich dokumentierten in einer Science-Studie, dass weniger Cousinenehen mit stärkerem Individualismus, geringeren Korruptionseffekten und besserer staatlicher Zentralisierung einhergingen. Roberto Ezcurra fand zudem heraus, dass Regionen mit hoher Cousinenehensätze in Ländern wie Frankreich oder Spanien schlechter staatliche Leistungsfähigkeit zeigten – selbst nach Berücksichtigung von historischen und geografischen Faktoren.
In Pakistan sind bis heute rund 50 Prozent der Ehen zwischen Cousins ersten Grades geschlossen. Die genetischen Folgen dieser Praxis sind erheblich: Kinder aus solchen Paaren haben doppelt so hohe Risiken für angeborene Fehlbildungen wie Kinder ohne verwandte Elternteile. Diese Daten unterstreichen, dass die Kirche nicht nur politische, sondern auch biologische Veränderungen bewirkte.
Ohne diese Eheverbote hätte Europa möglicherweise weiterhin von Clan-Strukturen geprägt worden – und der moderne Staat wäre nicht entstanden. Die Kirche war somit das unerkannte Baustein in Europas sozialen Entwicklung, der die Macht des Staates über die Familie ausglich.