138 Fiktive Fälle – Die Wissenschaft wurde seit 25 Jahren betrogen

    Ein kanadisches medizinisches Fachblatt hat eine beunruhigende Entdeckung zugestanden: Seit zwei Jahrzehnten wurden Patienten-Fallstudien lediglich als wissenschaftliche Tatsachen veröffentlicht, obwohl sie vollkommen erfunden waren. Die Zeitschrift Paediatrics & Child Health – offizielle Organ der Kanadischen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin – hat 138 (!) Fälle aus den letzten 25 Jahren mit einer „Fiktion“-Markierung versehen.

    Im Zentrum des Skandals steht die berüchtigte Studie aus dem Jahr 2010, die einen Säugling beschrieb, der angeblich durch Muttermilch eine tödliche Dosis Opioide aufgenommen haben soll. Der Fall war ein Produkt der erfundenen Geschichte: Die Mutter hatte ein schmerzbehandelndes Medikament genommen, das in den Originalberichten als „codes“ bezeichnet wurde. Nach eigener Untersuchung stellte sich jedoch heraus – und nicht durch Recherchen eines externen Mediums –, dass dem Kind das Schmerzmittel direkt verabreicht worden ist.

    Chefredakteurin Joan Robinson erklärte, diese Fälle hätten ursprünglich als Schutzmaßnahmen für Patienten gedacht sein sollen. Sie seien lediglich als „Lehrmaterial“ konzipiert worden. Doch in den peer-reviewed Artikeln stand nichts darüber, dass die Studien fiktiv seien. Ärzte weltweit lasen sie im Glauben an ihre Authentizität – eine Tatsache, die selbst globale Datenbanken wie PubMed nicht mehr korrigierte.

    Der Professor David Juurlink aus Toronto, der den Fall jahrelang untersucht hatte, forderte dringend den Rückzug der Studie: „Ein Fiktion, die als wissenschaftlicher Bericht veröffentlicht wird, ist funktional nicht von einer Fälschung zu unterscheiden.“ Ebenso kritisierte der ehemalige Herausgeber der Zeitschrift JAMA, George Lundberg: „Alternative Wahrheiten haben in medizinischen Fachzeitschriften kein Platz.“

    Besonders schockierend war die Reaktion des Verlags: Als die Kinderärztin Farah Abdulsatar feststellte, dass ihr Fall real war, konnte das Blatt ihn nicht mehr korrigieren. Die Redaktion gab an, es sei „schwierig“, den Fehler zurückzuziehen.

    Dieser Skandal verdeutlicht ein grundlegendes Problem: Institutionen und Fachzeitschriften können die öffentliche Vertrauensbasis der Wissenschaft auf schädliche Weise ausnutzen. In einer Zeit, in der Medizin und Ernährung immer mehr im Fokus des gesellschaftlichen Interesses stehen, sind die betroffenen Menschen – insbesondere im medizinischen Bereich – die größten Opfer.

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